Wer über fünfzig eine Stelle sucht, hat in der Regel kein Qualifikationsproblem, sondern ein Darstellungsproblem — und es entsteht meist aus einem Reflex: sich kleiner machen, um nicht überqualifiziert zu wirken. Genau das ist der Fehler. Was in dieser Lebensphase trägt, sind Verlässlichkeit, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Jüngere weiterzubringen — drei Dinge, die man mit dreissig nicht haben kann.
Der Lebenslauf: zwei Seiten, nicht sechs
Nach dreissig Berufsjahren ist die Versuchung gross, alles aufzuschreiben. Tun Sie es nicht.
Die letzten zehn bis fünfzehn Jahre ausführlich. Alles davor als kurze Zusammenfassung: «1994–2008: verschiedene Funktionen im Detailhandel, zuletzt Filialleitung.» Zwei Zeilen für vierzehn Jahre sind kein Verlust — sie sind ein Zeichen dafür, dass Sie priorisieren können.
Weglassen: die Lehre in allen Einzelheiten, Weiterbildungen aus den Neunzigerjahren, Software, die es nicht mehr gibt.
Nicht weglassen: das Geburtsdatum. Es lässt sich ohnehin ableiten, und der Versuch, es zu verstecken, wirkt unsicher — was schlechter ist als das Alter selbst.
Die drei Fragen, die tatsächlich kommen
«Sind Sie nicht überqualifiziert?»
Übersetzt heisst das: Werden Sie sich langweilen, gehen Sie beim nächsten besseren Angebot, und werden Sie meine Anweisungen akzeptieren? Antworten Sie auf die echte Frage: «Ich suche bewusst eine Aufgabe mit diesem Zuschnitt. Was mich interessiert, ist [konkret]. Ich habe keine Ambition auf Ihre Funktion.»
«Wie kommen Sie mit einer jüngeren Vorgesetzten zurecht?»
Ein Beispiel, kein Bekenntnis. Wenn Sie schon einmal für eine jüngere Person gearbeitet haben, erzählen Sie es. Wenn nicht: «Für mich zählt die fachliche Führung, nicht das Alter — und ich weiss aus meiner eigenen Zeit als Vorgesetzter, wie unangenehm Mitarbeitende sind, die alles besser wissen.»
«Wie halten Sie sich technisch auf dem Laufenden?»
Die Frage hinter der Frage lautet: Muss ich Ihnen alles zweimal erklären? Nennen Sie Konkretes und Aktuelles — ein Werkzeug, das Sie letztes Jahr gelernt haben, einen Kurs, eine Umstellung, die Sie mitgetragen haben. Ein Satz mit einem Namen darin schlägt jede allgemeine Beteuerung.
Lohn: der heikelste Punkt
Viele über fünfzig verdienen mehr, als die ausgeschriebene Stelle hergibt. Das ist der häufigste stille Ablehnungsgrund — und er wird selten ausgesprochen.
Sprechen Sie ihn an, bevor es die andere Seite tut: «Mir ist bewusst, dass diese Stelle anders dotiert ist als meine letzte. Das ist für mich in Ordnung, weil [Grund].» Der Grund muss stimmen und tragen — kürzerer Arbeitsweg, weniger Führungsverantwortung, andere Lebensphase. Wer keinen echten Grund nennt, wird nicht geglaubt.
Und gehen Sie nicht unter Ihren Wert, nur weil die Suche dauert. Ein zu tiefer Einstieg lässt sich später nicht mehr korrigieren.
Wo Sie mit über fünfzig einen Vorteil haben
Bei Arbeitgebern, die Fluktuation leid sind. In Branchen mit Fachkräftemangel — Pflege, Technik, Handwerk, Treuhand. Bei kleineren Firmen, wo eine Person mehrere Rollen abdeckt. Und überall dort, wo jemand gebraucht wird, der eine schwierige Situation schon einmal gesehen hat.
Sprechen Sie das an. Nicht als Altersargument, sondern als Erfahrungsargument: «Ich habe zwei Reorganisationen mitgemacht. Ich weiss, was in den ersten Wochen wichtig ist.»
Und der Teil, den niemand gern hört
Die Suche dauert in dieser Altersgruppe erfahrungsgemäss länger. Das ist keine Aussage über Sie, sondern über den Markt. Was hilft: weniger Bewerbungen, dafür bessere; das eigene Netzwerk aktivieren, weil ein grosser Teil der Stellen über Kontakte besetzt wird; und die Bereitschaft, den Zuschnitt der gesuchten Rolle zu überdenken, ohne die eigenen Ansprüche wegzuwerfen.
Vorbereitung ist hier mehr wert als anderswo
Wer lange in derselben Firma war, hat vielleicht zehn Jahre kein Vorstellungsgespräch geführt. Das merkt man — nicht am Inhalt, sondern am Tempo, an der Länge der Antworten und daran, wie man auf die drei Fragen oben reagiert.
Häufige Fragen
- Soll ich mein Geburtsdatum weglassen?
- Nein. Es lässt sich ohnehin ableiten, und der Versuch, es zu verstecken, wirkt unsicher — was schlechter ist als das Alter selbst.
- Wie lang darf der Lebenslauf nach dreissig Berufsjahren sein?
- Zwei Seiten, nicht sechs. Die letzten zehn bis fünfzehn Jahre ausführlich, alles davor als kurze Zusammenfassung von zwei Zeilen — das zeigt, dass Sie priorisieren können.
- Wie spreche ich an, dass ich bisher mehr verdient habe?
- Sprechen Sie es an, bevor es die andere Seite tut, und nennen Sie einen Grund, der stimmt und trägt: kürzerer Arbeitsweg, weniger Führungsverantwortung, andere Lebensphase. Gehen Sie aber nicht unter Ihren Wert, nur weil die Suche dauert.
Kurz geprüft
1/3
Wie lang ist der Lebenslauf nach dreissig Berufsjahren?
2/3
Das Geburtsdatum …
3/3
Die Stelle ist tiefer dotiert als Ihre letzte.
Mit dossari üben Sie das Gespräch zu der Stelle, auf die Sie sich bewerben — die Fragen kommen aus deren Inserat. Danach eine schriftliche Auswertung mit drei Stellen, an denen Ihre Antwort etwas offengelassen hat, samt wörtlichem Zitat. Abends, ohne Zuschauer. Ab CHF 19, der Zugangscode ist zwölf Monate gültig.
Gespräch üben